HebammeDie Zeichenkünstlerin von Wien

 

Prolog 1408

 

Die kleine, dralle Marktfrauschob sich durch die dichtgedrängte Menschenmenge auf dem Wiener Schweinemarkt. Ihre runden Wangen waren vor Aufregung gerötet. In Windes eile hatte sie ihren Verkaufsstand am Bauernmarkt abgebaut und die Körbe notdürftig auf ihrem Holzkarren verstaut. Sie hatte nicht einmal mehr Zeit gefunden, eine frische Schürze umzubinden. Nun musste sie ihre Ellbogen ein setzen, um einen Zuschauerplatz in der Nähe des Holzpodestes zu ergattern, das im Laufe des Vormittags aufgebaut worden war. Sie erntete verärgerte Blicke und unflätige Schimpfwörter. »He, dräng nicht so!« Das Gesicht des Betteljungen war mager und grau. Er schielte sie aus hungrigen Augen an und hielt sie am Zipfel ihres Rocks fest. »Lass mich los«, rief die Marktfrau und klopfte dem Jungen auf die schwarzen Finger. Dann griff sie unter ihre schmutzfleckige Schürze und holte eine Münze hervor. »Kauf dir eine Pastete, und hör auf, Leute zu belästigen!« Sie hatte am Vormittag gut verdient und konnte das Geldstück entbehren. Überrascht bedankte sich der Junge. Er lief gleich hinüber zu einem der geschäftstüchtigen Wirte, die am Rande des Platzes ihre Verkaufsstände aufgebaut hatten. Rasch drängte die Marktfrau weiter und erkämpfte sich schließlich einen Platz in der ersten Reihe, direkt vor dem Podest, wo in wenigen Augenblicken Konrad Vorlauf, der Bürgermeister der Stadt, und zwei der Ratsherren geköpft werden sollten. Ein langer, dürrer Mann trat einen Schritt zur Seite, um der Marktfrau Platz zu machen. Sein Frühstück hatte aus gekochten Zwiebeln bestanden, nun erleichterte er seinen Darm lautstark von unliebsamen Gasen. Die Ausdünstungen gingen unter im Gestank schwitzender, ungewaschener Körper und den Gerüchen einer Stadt, die seit Tagen von einer Hitzewelle heimgesucht wurde. »Habe ich schon etwas versäumt?«, fragte die Marktfrau. Der Dürre schüttelte den Kopf. »Die Verurteilten sind noch auf dem Weg.« »Ist es nicht eine Ungeheuerlichkeit, dass man die drei Männer ausgerechnet auf dem Schweinemarkt köpfen lässt?« »Wahrscheinlich haben sie genug Dreck am Stecken«, brummte der Dürre. Seine Beine taten ihm weh vom langen Stehen, er verlagerte das Gewicht von einem Fuß auf den anderen. »Verrat liegt in der Luft!«, flüsterte die Marktfrau. »Verrat? Wer soll denn wen verraten haben?« Die Marktfrau zuckte mit den Schultern. Nach zwei Jahren Bürgerkrieg konnte diese Frage niemand mehr genau beantworten. Die Habsburgerherzöge Ernst und Leopold stritten um die Vormundschaft für ihren minderjährigen Neffen Albrecht, den zukünftigen Herrscher, und die wahren Verlierer in diesem Streit waren die Stadt Wien und ihre Bevölkerung. »Ich frage mich, warum Herzog Ernst nicht eingreift und den Bürgermeister und die beiden Ratsherren vor seinem Bruder schützt. Schließlich sind sie doch seine Anhänger.« Die Marktfrau sah sich rasch um, ob sie auch niemand belauschte. »Es heißt, die Juden haben die Finger im Spiel«, sagte sie dann leise. »Die Juden?«, wiederholte der Dürre aufgeregt und schlug sich die Hand vor den Mund. Unter seinen Fingernägeln lag eine dicke Schmutzschicht; die Marktfrau bemühte sich, nicht angeekelt das Gesicht zu verziehen. »Ja doch«, wisperte sie. »Im Winter hat die Stadt hohe Kredite für das Lösegeld aufgenommen, das Ernst seinem Bruder Leopold für die drei Männer zahlen musste.« »Die drei, die jetzt geköpft werden sollen?« Die Marktfrau nickte eifrig. »Das ist doch völlig absurd!« Verärgert schüttelte der Dürre den Kopf. »Ja, aber wir kleinen Leute haben da nichts mitzureden«, seufzte die Marktfrau und überlegte kurz, was sie mit all dem Geld hätte anfangen können. »Wenn Ihr mich fragt, so richten sich’s die da oben immer so, wie sie’s gerade brauchen.« Die Marktfrau deutete mit ihrem kurzen, runden Zeigefinger Richtung Rathaus. »Aber diesmal ist es halt ein bisserl eng geworden, und nun müssen drei von den mächtigen Herren den Kopf hinhalten.« Der Dürre furzte erneut. »Es ist trotzdem komisch, dass niemand weiß, was man den drei Männern eigentlich vorwirft. Letzte Woche haben sie noch im Rathaus gesessen.« »Tja, das ist der Preis, den die Reichen für ihre Macht eben manchmal zahlen müssen.« Die Schadenfreude der Frau war nicht zu überhören. Plötzlich ertönte eine hohe, laute Stimme: »Ein Fingernagel der heiligen Barbara! Ein Backenzahn des heiligen Ignatius! Die wertvollsten Reliquien der Stadt! Zögern Sie nicht, und greifen Sie zu. Diese Gelegenheit ist einmalig!« Neugierig verrenkte die Marktfrau ihren Kopf. Der Reliquienhändler kämpfte sich einige Reihen hinter ihr durch die Menge. »Ein Splitter vom wahren Kreuz Christi!« »He, du«, schrie die Marktfrau. »Hast du auch ein Haarbüschel von der heiligen Magdalena?« Schon seit Jahren suchte sie nach dieser Kostbarkeit, die angeblich vor ungewollter Schwangerschaft schützte. »Was suchst du?« »Ein Haarbüschel …« Weiter kam die Marktfrau nicht, denn nun wurde ihre Aufmerksamkeit erneut abgelenkt, denn das laute Knarren eines Holzkarrens war zu hören. »Ach, vergiss es«, rief sie und drehte sich wie alle Zuschauer in die Richtung, aus der die Geräusche kamen. »Platz da!«, bellte ein Mann der Stadtwache. Obwohl er ein Zwerg auf zwei dünnen Beinen war, sprangen die Menschen zur Seite und ließen den Wagen, der ihm folgte, passieren. Männer reckten ihre Köpfe, Frauen stellten sich auf die Zehenspitzen, und Kinder versuchten, auf Podeste zu klettern, um einen Blick auf die Gefangenen zu werfen. Die drei verurteilten Männer standen gefesselt und mit schwerem Eisen aneinandergekettet auf dem Karren. Jede Erschütterung brachte sie ins Wanken, aber sie waren so fest zusammengeschnürt und der Karren so eng, dass ein Umfallen schier unmöglich war. Die einst weißen Krägen ihrer teuren Hemden verrieten, dass sie wohlhabende Männer waren. Als der Wagen kurz anhielt, um einem riesigen Schlagloch im Boden auszuweichen, ging ein Raunen durch die Menge. Manche Menschen tuschelten hinter vorgehaltener Hand, andere schwiegen.

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